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Völlig erfolglose Krähenjagd

Erlebnisse, die im Gedächtnis bleiben.

Völlig erfolglose Krähenjagd

Beitragvon Jörn » 2.11.2011, 10:03

Früher Morgen, Dämmerung, Nebelschwaden bedecken das Land.

Wir rumpeln über einen Feldweg, das Gras in der Mitte der Fahrspur poliert meinen Katalysator.
Wir stellen die Fahrzeuge an einer uneinsichtigen Stelle ab, keuchen mit Lockkrähen auf dem Buckel und der Flinte um den Hals über den Acker.
Ich erinnere mich an die letzten Krähenjagdseminare mit Wesley Henn, denke an "2. Reihe Maisfeld". Genau das soll man tunlichst vermeiden; man sieht nichts, man hat kein wirklich freies Schussfeld - die zweite Reihe im Mais ist einfach nur bequem, weil sie eine fertige Deckung bietet. Besser sollte man sich seine Deckung per Tarnschirm dort bauen, wo die Krähen auch fliegen; nicht da, wo man die bequemste Deckung findet.
So habe ich das bisher gehalten, hatte auch schon gute Erfolge, habe daher meinen Tarnschirm dabei.
Mein Mitjäger, der heute als Jagdleiter agiert, marschiert zielsicher auf ein Maisfeld zu. Der wird doch wohl nicht... ? - Nein, das glaube ich nicht; der Mann ist erfahren !
"So, wird sind da. Wir gehen in den Mais, zweite Reihe."
Ahhh, ja...
Wir verursachen beim Freihauen und -knicken ordentlich Jagdschaden, damit wir wenigstens ein klein wenig sehen können, bauen dann ein freundliches Lockbild auf: Wir simulieren Krähen beim friedlichen Äsern auf dem Acker: Alle mit dem Köpfchen nach unten, locker verteilt, ein bisschen an die Windrichtung angepasst.
Freundliches Lockbild, weil die Krähen so herrlich ungestört und rundum zufrieden aussehen. Das soll ihre echten Kameraden anlocken, die wir dann mit Blei beschweren und auf diese Weise zur Landung überreden möchten.
Bei einem feindlichen Lockbild hätten wir noch einen künstlichen Uhu oder Fuchs bei unseren Plastiklockvögeln platziert; irgendetwas, was Krähen so ganz und gar nicht leiden können, "auf das sie hassen".
Das Lockbild steht, wir sitzen. Zweite Reihe Maisfeld. Mein Kamerad sitzt zwei Meter rechts vor mir; ich sehe nichts, unterhalte mich aber leise mit ihm.
Er fuchtelt an einem elektronischen Gerät, das selbstverständlich von einem dritten Helfer bedient wird, damit es vorschriftskonform ist. Den Helfer vergaß ich eben nur zu erwähnen.
Ich ziehe meine Tarnhandschuhe über, setze die Tarnmütze auf den Kopf. Mehr brauchts nicht, da eh nicht mehr von mir zu sehen ist.
Ich lade meine Winchester; 2,7 mm-Schrot, 32 g, von Rottweil. Die Flinte bleibt gebrochen, da ich mitten im Mais hocke und ständig irgendwo anstoße. Das ist einfach sicherer; vom Schließen bis zum Schuss vergeht bei mir eh nur eine halbe Sekunde. Wie ich mich diesmal irren sollte...
Es wird heller, man erkennt mittlerweile Details der Umgebung. Unser freundliches Lockbild sieht gut aus; lebensecht.
Als das erste Krähengebölke in der Luft erschallt, ist auch der elektronische Locker einsatzbereit. Mit meiner altbackenen Krähentröte um den Hals komme ich mir wie ein Fossil aus der Steinzeit vor, beschließe, das Ding nicht einzusetzen, um mich in Gegenwart der Segnungen modernste Technik nicht als konservative Altlast zu outen.
Die ersten Krähen fallen in einen Baum in der Nähe ein, betrachten das Lockbild, krähen unsere Lockvögel an, kommen aber nicht näher. Warum auch ? - Die sehen ihre Kumpel beim Futtern, rufen "Tach auch !"; und keiner antwortet.
Ein mutiger Späher löst sich aus dem Baum, streicht vorsichtig um die verdächtig stille Essensgesellschaft, ruft sein "Hallo !", erhält keine Antwort.
Dann wendet er plötzlich in Panik, verzieht sich wieder auf seinen Baum. Nein, er hat uns nicht gesehen. Aber er hörte etwas: Nämlich Kampfgeräusche aus dem elektronischen Locker. Und weg war er. Unerklärlich !
Friedliches Lockbild und Kampfgeräusche: Das passt doch wohl, oder ?
Ich verdrehe die Augen. Nein, ich muss mich einfach irren; schließlich bin ich doch hier der Unerfahrene, oder ?
Der Kampf tobt weiter aus dem Druckkammerlautsprecher, die Krähen bleiben weiter in ihrem Baum. Wie überraschend.
Der Locker macht Pause; Batterien sparen.
Ich wage es, mit meinem Krähenlocker zu krächzen. Es klingt furchtbar "unkrähisch". Ich schäme mich ein bisschen, mache aber weiter. Schließlich klingen Krähen im Ausland auch ganz anders als unsere heimischen; also simuliere ich halt einen Asylanten. Neugierde lockt auch; sollen sich die Biester doch wundern, wer da mit so einem grässlichen Akzent herumtönt, und nachschauen.
Tatsächlich ! Ein schwarzer Geselle fliegt an. "Krähe rechts !", whispert es in meiner Nähe. Ich versuche, den Vogel trotz der Mais-Dauersichtbehinderung nicht aus den Augen zu verlieren, sehne mir mein Tarnnetz herbei, das ungetrübte Sicht bietet.
Jetzt ! Schussweite ! Habe noch nie eine Krähe verfehlt !
Ich schnelle wie eine Feder nach oben, schließe dabei die Flinte. Nein; WILL die Flinte schließen. Und schaffe es nicht; das Ding geht nicht zu !
Rechts vor mir kracht es zweimal, der Donner rollt über die stille Morgenlandschaft.
Die Krähe verzieht sich ungerührt und ungetroffen, ihre Kumpel im Baum wissen jetzt auch Bescheid, was da unten so faul ist.
Ich schaue nach, was mit meiner Flinte los ist. Vor dem Schuss wollte ich mir gerade eine Zigarette rauchen, legte dafür einen Handschuh ab. Auf die Flinte, damit er nicht in den Dreck fiel. Beim Aufnehmen der Waffe rutschte der Handschuh ins Schloss und blockierte den Schließmechanismus. Ganz toll ! Der Handschuh hat nun ein Loch; das hat er nun davon.
Wir hatten nichts davon. Keine einzige Krähe ließ sich mehr blicken.
Abbauen, ab nach Hause.
Und ärgern.
Beim nächsten Mal: Bloß nicht wieder zweite Reihe Maisfeld, bloß kein elektronisches Kampfgebrüll zum friedlichen Lockbild. Und bloß nicht wieder den Handschuh auf die Flinte legen, Vollidiot !

Aber mal ehrlich: Schön war's irgendwie doch. :)
Jörn
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